#OhneAngstVerschiedenSein
Reden über Judentum, Erinnerungskultur und Nahost – im Spannungsfeld von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit in der Migrationsgesellschaft

„…den besseren Zustand aber denken als den, in dem man ohne Angst verschieden sein kann.“ (Theodor W. Adorno)

Mit unserem 2022 gestarteten und in der Region bisher einzigartigen Projekt #OhneAngstVerschiedenSein wagen wir uns an einen mitunter komplizierten Themenzusammenhang: Die Herausforderungen des Zusammenlebens in einer sich diversifizierenden Gesellschaft vor dem Hintergrund der europäischen Gewaltgeschichte und einer inklusiven und multiperspektivischen Erinnerungskultur.‍
Wenige Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft, als langsam das ganze Ausmaß des Vernichtungswahns der Nationalsozialist*innen sichtbar wurde, erschien die Aphorismensammlung „Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben“. Darin warnte der Frankfurter Sozialphilosoph Theodor W. Adorno eindrücklich davor, die Gleichheit aller Menschen als bereits eingetretene Realität oder auch nur als zu erreichendes Ideal zu postulieren. Vielmehr plädierte er für die Anerkennung der Ungleichheit, wenn er forderte, „den besseren Zustand aber denken als den, in dem man ohne Angst verschieden sein kann.“
Im Projekt #OhneAngstVerschiedenSein orientieren wir uns an diesem Imperativ und machen ihn zur Grundlage unseres Redens, Lernens und Handelns. Laut Statistik Austria hatten im Jahr 2021 rund 27,5% der Vorarlberger*innen einen sogenannten Migrationshintergrund, Tendenz steigend. Menschen mit Migrationsgeschichte bringen neben kultureller, sprachlicher und religiöser Diversität auch Verschiedenheit in Bezug auf die Auseinandersetzung mit Geschichte(n) mit.
Statt dies aber als Problem zu begreifen, sehen wir darin vielmehr eine Chance – die Chance auf Bereicherung der lokalen und nationalen Erinnerungskultur um diese vielfältigen Perspektiven, die Chance auf neue Impulse für Schule, Jugend- und Bildungsarbeit. Dabei sollen auch problematische Aspekte – Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, der Nahostkonflikt – nicht ausgespart bleiben, sondern vielmehr kritisch und selbstreflexiv bearbeitet werden.

In jeder Öffnung liegen bekanntermaßen auch Herausforderungen. Diese Herausforderungen gehen wir mit dem Projekt #OhneAngstVerschiedenSein an. Unser Ansatz: Miteinander reden. Zusammen lernen. Gemeinsam handeln.
Kontaktieren Sie uns: hampe@jm-hohenems.at 

Reden
In öffentlich geführten Gesprächen und Safer Spaces (= nicht-öffentliche geschützte Räume für Menschen mit eigenen Diskriminierungserfahrungen) gehen wir kontroverse Themen an. Wir überlegen gemeinsam, wie ein guter Umgang mit jüdischer und migrantischer Geschichte, mit Antisemitismus und Rassismus, mit den Konflikten im Nahen Osten in einer von Vielfalt geprägten Migrationsgesellschaft aussehen könnte. Damit betreten wir Neuland – in Vorarlberg und auch darüber hinaus.
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Lernen
Wir bieten Fortbildungen für Multiplikator*innen und Workshops für Jugendliche aus den Bereichen Schule, Jugendarbeit und Communitiy an. Wir schaffen Lern- und Reflexionsräume, in denen wir Fragen zum Verhältnis zwischen Judentum und Islam, zur Erinnerungskultur und zum Nahostkonflikt in der Migrationsgesellschaft vertiefen. Unser Ansatz ist antisemitismus- und rassismuskritisch, selbstreflexiv und erfahrungsbasiert. Gleichzeitig vermitteln wir ein fundiertes Wissen und solides methodisches Handwerkszeug. Wir betrachten uns dabei alle als Lernende.
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Handeln
Wir konzipieren und erproben Materialien für den Unterricht, die Schulsozialarbeit, die Offene Jugendarbeit und die Jugendverbandsarbeit. In unseren Materialien spiegeln sich die Erfahrungen und Perspektiven der von Diversität geprägten Migrationsgesellschaft wider. Mithilfe unserer Materialien können Multiplikator*innen selbst ins Handeln kommen und so einen Beitrag zu mehr Anerkennung, Teilhabe und Zugehörigkeit unter jungen Menschen leisten.
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Das Team von #OhneAngstVerschiedenSein

Arnon Hampe (Dipl.-Pol.) hat an der Freien Universität Berlin Politikwissenschaft studiert und arbeitete rund 15 Jahre für verschiedene Träger und Projekte im Bereich der historisch-politischen und diskriminierungskritischen Jugend- und Erwachsenenbildung. Seit Anfang 2022 lebt und arbeitet er in Hohenems und baut die Projektinfrastruktur am Jüdischen Museum auf. Einen großen Teil der Arbeit machte im ersten Projektjahr neben der Vernetzung die Entwicklung von Fortbildungskonzepten und -methoden aus. Daneben plante und moderierte er Veranstaltungen, nahm an Diskussionsveranstaltungen und interreligiösen Gesprächen teil. Damit das Projekt langfristig und nachhaltig in der Region Wirkung zeigen kann, gibt er sein Wissen an ein kleines Team freier Projekt-Mitarbeiter*innen weiter.

Alba Losert (BA) absolvierte ihren Bachelor in Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck mit den Schwerpunkten Politische Theorie, Machtanalyse und Kritische Theorie. Seit 2017 arbeitet sie in Projekten der Politischen Bildung, die Menschen beim Aufbau ihrer eigenen lokalen Wissens- und Lernsysteme unterstützen – fernab von hegemonialer Wissensproduktion. Solche „capacity building“-Maßnahmen durfte sie in der Praxis mit lokalen Partnern bereits in Äthiopien, Palästina, Ghana, im Irak und in Tirol umsetzen. Derzeit schließt sie ihren Master in Friedens- und Konfliktforschung ab und trägt zur Stärkung muslimisch-jüdischer Allianzen im Projekt #OhneAngstVerschiedenSein bei.

Ayat Solsaeva studiert Anglistik und Kunstgeschichte an der Universität Zürich. Ihre große Leidenschaft sind Film und Kino. Ihr Interesse an bewegten Bildern und an einer diskriminierungsfreien Gesellschaft bringt sie seit 2022 auch in die Arbeit des Teams von #OhneAngstVerschiedenSein ein.

 

 

Franziska Völlner (MA) hat Politikwissenschaften, Europäische Ethnologie und Gender Studies studiert. Über ein Praktikum im Sommer 2019 kam sie zum Jüdischen Museum Hohenems und ist seither Teil des Caféteams. Neben ihrer Dissertation zu Beheimatungsstrategien geflüchteter Frauen arbeitet sie seit 2022 als freie Mitarbeiterin im Projekt #OhneAngstVerschiedenSein mit und ist dort im Bereich der Workshopentwicklung und -umsetzung tätig.