Do., 16. Juli 2026, 19:00-20:30 Uhr Jüdische Indienreisende als Beobachter der Kastengesellschaft Öffentlicher Vortrag von Carsten Wilke (Budapest/Wien), im Rahmen der Europäischen Sommeruniversität für Jüdische Studien

Von Europa aus betrachtet, waren die Juden von Cochin (heute Kochi) in Südindien ein ferner Außenposten der Diaspora, doch zeigen sich mittelalterliche jüdische Händler aus Nordafrika und Spendensammler der Kolonialzeit über ihre Lebensverhältnisse erstaunlich gut informiert. Seit dem 16. Jahrhundert beschäftigten sich jüdische Reiseberichte insbesondere mit der scharfen Trennung zwischen zwei endogamen indisch-jüdischen Gruppen. Seit dem portugiesischen Bericht, den Mosseh Pereyra da Paiva der Amsterdamer sefardischen Gemeinde von seiner Reise 1686 erstattete, bürgerte sich die Rede von den “schwarzen” und “weißen” Juden Cochins ein. Spätere Besucher forschten nach den Ursprüngen dieser beiden Gemeinden, sammelten historische Dokumente darüber oder schrieben diese kurzerhand selbst, wie es der niederländische Konvertit Immanuel Jacob van Dort auf seiner Indienreise 1755-1756 tat. Im neunzehnten Jahrhundert beschrieben reisende Rabbiner die vermeintliche innerjüdische Rassendiskriminierung eingehend und setzten sich für die „schwarzen“ Juden ein. Erst der amerikanische Ethnologe David Mandelbaum, der seit 1937 in Indien forschte, bemühte sich um eine Deutung der innerjüdischen Hierarchie als genuine Widerspiegelung des indischen Kastenwesens. Im Überblick über vier Jahrhunderte fruchtbarer jüdischer Reiseschriftstellerei aus Indien drängt sich der Eindruck auf, dass die Autoren in jenen exotischen Juden ein Spiegel- und Gegenbild ihrer eigenen Ideale von sozialer Gleichstellung erkannten. Prof. Dr. Carsten Wilke (*1962 in Köln) ist Religionswissenschaftler, Historiker und Judaist. Er studierte Judaistik, Romanistik und Philosophie in Köln und Jerusalem sowie Religionswissenschaften in Paris. 1994 promovierte er mit einer Arbeit über jüdisch-christliches Doppelleben im Barock. Danach war er an mehreren wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland, Frankreich, Portugal, Mexiko und den USA tätig, darunter an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Seit 2009 ist er Professor für Geschichte und Jüdische Studien an der Central European University  in Wien (vormals Budapest), deren Zentrum für Religionswissenschaft er leitet. Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte und Kultur des europäischen Judentums vom Mittelalter bis zur Moderne. Ein öffentlich zugänglicher Vortrag im Rahmen der 16. Europäischen Sommeruniversität für Jüdische Studien, 12. bis 17. Juli 2026 – „Hin und weg. Über jüdische Reisende“ 

 
Veranstaltungsort
Salomon Sulzer Saal
Schweizer Str. 21, 6845 Hohenems
+43 (0)5576 73989
office@jm-hohenems.at 



Eintritt frei!

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