Jüdische Schule
Ein Ort der Begegnung zwischen Juden und Christen

Die jüdische Schule in Hohenems wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Symbol der umstrittenen politisch-kulturellen Zusammenarbeit über kulturelle und konfessionelle Grenzen hinweg. In dem zwischen 1824 bis 1828 von der jüdischen Gemeinde errichteten Schulgebäude entwickelte sich eine Bildungsanstalt, die weit über Hohenems hinaus einen ausgezeichneten Ruf genoss.
Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wurden die jüdischen Kinder in Hohenems an einer deutschsprachigen „Normalschule“ unterrichtet. Nun sollte die Schule auch dem gewachsenen Bildungshorizont einer international verflochtenen Gemeinde gerecht werden. Das liberale gesellschaftliche Klima in Hohenems um 1850 machte es möglich, dass Institutionen wie das Kaffeehaus Kitzinger, der Gesangsverein „Frohsinn“ und schließlich auch die jüdische Schule Orte einer Begegnung auf Augenhöhe zwischen Juden und Christen werden konnten, wenigstens für einige Zeit.

Höhere Bürgerschule
1851 wurde die Schule zu einer „Höheren Bürgerschule“ für Jungen und Mädchen aufgewertet (in der weitaus größeren politischen Christengemeinde Hohenems gab es erst 1911, mehr als ein halbes Jahrhundert später, eine „Knabenbürgerschule“). Unterrichtet wurden neben den klassischen Fächern Deutsch und Rechnen, auch Französisch und Italienisch, Buchhaltung und Wirtschaft, Geschichte und Geographie, und natürlich Hebräisch und Religion. Mehrsprachigkeit war selbstverständlich. 1859 wurden 74 Schüler unterrichtet. 1862 trat Moritz Federmann aus Böhmen in den Lehrkörper ein. Er sollte 51 Jahre hier unterrichten, bald als Oberlehrer und Leiter der Schule. In der Jüdischen Gemeinde versah der Junggeselle zahllose Ehrenämter, aber auch in Organisationen wie dem österreichischen Alpenverein. Mit ihm sollte die Schule ihren guten Ruf im Land viele Jahre behaupten.
Die Schulinspektoren – meist katholische Geistliche – stellten der Schule durchwegs das beste Zeugnis aus. Diese Umstände führten dazu, dass an der Schule auch viele nichtjüdische Lehrer unterrichteten, vor allem aber dazu, dass auch viele nicht-jüdische Kinder die Schule besuchten, ein weithin einmaliges Beispiel im 19. Jahrhundert. Zwischen 1861 und 1896 besuchten insgesamt 134 katholische (darunter 28 Mädchen) und 108 evangelische Schüler (darunter 63 Mädchen) die Schule.

Das Ende der Schule
Der Erfolg änderte nichts daran, dass dieses liberale Projekt schließlich vor dem Ersten Weltkrieg scheitern musste. Der Vorarlberger Landtag verbot 1896 katholischen Kindern den Besuch der Schule, der christlichsoziale Antisemitismus war auf dem Vormarsch. In der schon seit 1860 durch Abwanderung schrumpfenden jüdischen Gemeinde nahm auch die Zahl der jüdischen Schülerinnen und Schüler stetig ab. 1913 wurde die Schule geschlossen. Moritz Federmann starb drei Jahre später. 1918 versuchte die Marktgemeinde, gestützt auf ein Gutachten von Rechtsanwalt Otto Ender, der wenig später Landeshauptmann wurde, der Jüdischen Gemeinde den Besitz des Schulhauses streitig zu machen. Doch zur „Arisierung“ des Gebäudes kam es erst nach 1938. Nach dem Krieg restituiert und wieder verkauft war das jüdische Schulhaus lange Zeit im Besitz der Marktgemeinde, die seit den 1970er Jahren Arbeitsmigranten in dem Gebäude unterbrachte. Nach langen Diskussion über die Zukunft des Hauses – auch als möglicher Sitz eines Jüdischen Museum war es 1980 im Gespräch – wurde die Jüdische Schule schließlich 2009 von der auf privater Initiative gegründeten Jüdische Schule KG aufwändig restauriert und beherbergt heute das Restaurant Moritz und den Federmann-Kultursaal.