Gegenwart
Das jüdische Viertel in Hohenems

gilt weit über Vorarlberg hinaus als eines der wenigen so lückenlos erhalten gebliebenen Ensembles mit jüdischer Geschichte. Im Jahr 1996 erfolgte dementsprechend die Unterschutzstellung der wesentlichsten Teile des Jüdischen Viertels durch das Bundesdenkmalamt.
Zusammen mit der ehemaligen Christengasse (heute Marktstraße) bildet das ehemalige jüdische Viertel den urbanen Kern von Hohenems. Der historische Baubestand des Stadtzentrums ist ein kulturhistorisches Zeugnis für die jahrhundertelange Koexistenz von zwei Traditionsgemeinschaften – der christlichen und der jüdischen – in diesem Ort.

Der heutige Baubestand des jüdischen Viertels geht auf das ausgehende 18. und das 19. Jahrhundert zurück. Erhalten sind – neben den Wohnhäusern der jüdischen Familien – auch noch alle Gebäude, die ehemals religiösen oder sozialen Gemeindefunktionen dienten: die Synagoge, die Mikwe (Ritualbad), das Schulhaus sowie das jüdische Armenhaus.
Das jüdische Viertel spiegelt die soziale Situation der jüdischen Hohenemser. Sie waren für Handel und Geldverleih zuständig: städtische Funktionen, die sie in den ländlichen Gebieten ausübten. Für diese Aufgaben hatte Graf Kaspar die Juden in seine Grafschaft geholt. Sie waren bürgerlich orientiert und unterstützten die Entwicklung einer bürgerlichen Gesellschaft, die mit der Industriellen Revolution ab der Mitte des 18. Jahrhunderts städtische Lebensformen auch auf dem Land etablierte.

Architektur und Wohnverhältnisse
Der Platz vor der Synagoge im Zentrum des Jüdischen Viertels wird auf einer Seite von mächtigen städtischen Bürgerhäusern umrahmt, die Ende des ausgehenden 18. Jahrhunderts erbaut worden sind. Um die Synagoge selbst stehen bis heute die vielen kleinen und auch weniger repräsentativ ausgestatteten Wohnhäuser der jüdischen Handwerker und Hausierer. Die architektonisch herausragenden Gebäude des Viertels bilden die drei im klassizistischen Stil errichteten Villen der jüdischen Fabrikantenfamilie Rosenthal, die zwischen 1848 und 1889 erbaut worden sind.

Schon im 19. Jahrhundert zogen christliche Familien in ehemalige jüdische Häuser, wie auch in der vormaligen Christengasse ab spätestens 1810 jüdische Familien in sogenannten „Christenhäusern“ wohnten.
In vielen Gebäuden lebten jahrzehntelang christliche und jüdische Familien unter einem Dach.
Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wanderten viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde aus Hohenems in die wirtschaftlichen Zentren der nahegelegenen Schweiz, die Städte der k.u.k. Donaumonarchie oder nach Übersee aus. 1938 waren nur mehr wenige Häuser des jüdischen Viertels in jüdischem Besitz. Die öffentlichen Gebäude wurden von der NS-Gemeindeverwaltung beschlagnahmt und nach 1945 wieder rückgestellt.
Nach 1945 lebten mehrere Jahre lang jüdische Displaced Persons, zumeist osteuropäische Holocaust-Überlebende, in Hohenems und in Bregenz. Doch auf Dauer konnte sich kein jüdisches Gemeindeleben mehr in Hohenems etablieren. Sitz der Gemeinde für Tirol und Vorarlberg ist heute Innsbruck. Nicht desto trotz leben in Vorarlberg heute wieder mehr Juden als vor 1938.

Der Umgang mit dem Erbe
Wie in vielen historischen Zentren war die Bausubstanz in den 1970er Jahren im Begriff zu verfallen. Mit dem Abbruch vieler Häuser wurde gerechnet. Hausbesitzer quartierten Arbeitsmigranten in den Häusern ein, in Hohenems wie vielerorts in Vorarlberg kamen die meisten aus der Türkei. Erst Ende der siebziger Jahre begann sich das Interesse wieder auf die Geschichte zu richten und damit auch auf das historische jüdische Viertel der Marktgemeinde, die 1983 zur Stadt erhoben wurde.
Parallel zum Aufbau des Jüdischen Museums und der Renovierung der Villa Heimann-Rosenthal wurden schon in den achtziger Jahren von privater Seite einige Häuser in der ehemaligen Judengasse, der heutigen Schweizer Straße renoviert.
Seit 1994 hat sich das Jüdische Museum in mehreren Projekten immer wieder mit der Frage des Umgangs mit dem jüdischen Viertel auseinandergesetzt (Projektreihe ‘Ein Viertel Stadt’). 1998 wurde von der Stadt Hohenems eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die unter Mitwirkung des jüdischen Museums stadtplanerische Perspektiven und Konzepte für die zukünftige Entwicklung des Viertels erarbeiten sollte. Im Sommer 1998 hat diese Arbeitsgruppe einen Maßnahmenkatalog vorgelegt, der Perspektiven für die zukünftige Nutzung dieses kulturhistorisch bedeutenden Stadtteils eröffnet. Ende 1998 wurde eine Gruppe von fünf Architekten (Marcel Meili, Roland Gnaiger, Hermann Czech, Peter Märkli, Gerold Wiederin) damit beauftragt, eine städtebauliche Expertise zur zukünftigen Bebauung des historischen Zentrums von Hohenems zu erarbeiten, die in den Bebauungsplan einfloss.

Restaurierung
Mit der Rückkehr der Jüdischen Geschichte ins Bewusstsein der Stadt nahm auch das Interesse an der historischen Bausubstanz zu. Mit der Revitalisierung des Jüdischen Viertels begann ein für das ganze Zentrum fruchtbarer Erneuerungsprozess. Nach einem jahrelangen öffentlichen Diskussions- und Planungsprozess wurde 2016 mit der Neugestaltung des öffentlichen Raums im Jüdischen Viertel und der ehemaligen Christengasse, der heutigen Marktstraße, begonnen. Seit 1996 sind die meisten bedeutsamen Gebäude im ehemaligen Jüdischen Viertel in Kooperation mit dem Denkmalschutz restauriert worden, so das Elkan-Haus von Gerhard Lacha und Cornelia Lacha – de Boer, die ehemalige Synagoge von Gerhard Lacha und Mitgesellschaftern, das Kitzinger Haus durch die Familie Amann, das Jüdische Armenhaus von Markus Schadenbauer und Jessica Lacha, das alte jüdische Schulhaus und die Mikwe von Gerhard Lacha und das Brettauerhaus von Gerold Ulrich und Andrea Gerstel. Private Initiative spielte dabei oft die entscheidende Rolle. Im Oktober 2016 konnte die neue urbane Platzgestaltung im Jüdischen Viertel eingeweiht werden. Weitere Restaurierungsmaßnahmen sind geplant.